28 Feb 2013/in Empört Euch!, Konzerte, Konzertvorschau, News Archiv, News-Archiv, ORSOphilharmonic, Produktionen, Tanzprojekte /von Gloria ZganjerDmitri Schostakowitsch (1906-1975)

„Hören Sie doch meine Musik, da ist alles gesagt.“ (Dmitri Schostakowitsch)
Nur wenige Komponisten der Musikgeschichte sind ebenso tief mit ihrem Vaterland verbunden wie Schostakowitsch mit seiner Heimat Russland. Tief mit seinem politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld verwurzelt entstanden seine bedeutendsten Werke meist als Reaktion auf die Geschehnisse um ihn herum. So schrieben die Moskauer Nachrichten nicht unbegründet: „Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören“. So entstand beispielsweise seine 2. Symphonie „An den Oktober“ anlässlich des 10. Jahrestags der Revolution und seine 3. Symphonie zu Ehren des 1. Mai. Die Symphonien Nr. 11 und Nr. 12 tragen die programmatischen Untertitel „Das Jahr 1905“ bzw. „Das Jahr 1917“ und beziehen sich damit auf die konkreten Ereignisse dieser Jahre.
Schostakowitschs 8. Symphonie bildet die Mitte der drei sogenannten „Kriegssymphonien“. Sie erhielten ihren Namen in erster Linie aufgrund ihrer Entstehungszeit zwischen den Jahren 1941 und 1943 und ihrer Darstellung des Schreckens und Grauens der Kriegsereignisse.
Über seine 8. Symphonie sagt Schostakowitsch selbst, er habe „in diesem Werk versucht, die gefühlsmäßige Reaktion des Volkes darzustellen, die furchtbare Tragödie des Krieges widerzuspiegeln.“ Tatsächlich wirkt die Grundstimmung erdrückend und pessimistisch, doch veranschaulicht sie die Grausamkeit des Krieges, dem Unzählige zum Opfer fielen zum Ausdruck gebracht, sowie die unvorstellbaren Machenschaften des Faschismus. Die Symphonie wurde nicht so positiv aufgenommen wie Schostakowitschs 7. Symphonie, denn es fehlte ihr laut Kritikern an Optimismus und vor allem an einem heroischen Finale. Anstatt im 5. Satz die Spannungen des Anfangs aufzulösen, schafft Schostakowitsch weitere Gegensätze und Konflikte, auf deren Aufhebung verzichtet wird und so eine pessimistische Perspektive entstehen lässt. Dieser Mangel an Optimismus und ihre komplexe Gestaltung führten schließlich dazu, dass Schostakowitschs 8. Symphonie nach 1948 kaum mehr aufgeführt wurde.
Etwa acht Jahre später stellte Schostakowitsch nach langem Vorhaben seine letzte Programmsymphonie Nr. 12 mit dem Untertitel „Das Jahr 1917“ fertig, die er Vladimir Iljitsch Lenin widmete. „Die titanenhafte Gestalt Lenins in der Musik zu verkörpern ist eine unwahrscheinlich schwere Aufgabe.[…] Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man die Gestalt des Führers der Arbeiterklasse mit den Mitteln der Musik wiedergeben könnte.“, schrieb Schostakowitsch im Entstehungsjahr seiner Symphonie 1961. Jedem Satz verlieh er eine Überschrift, die der Symphonie einen außermusikalischen Gehalt verleiht: Der erste Satz trägt den Titel „Revolutionäres Petrograd“, der zweite ist nach dem Ort Rasliw benannt, an dem sich Lenin versteckt hielt. Der dritte Satz „Aurora“ stellt den Höhepunkt der Symphonie dar. Das Lenin-Thema aus dem ersten Satz wird umgedeutet und symbolisiert Lenins Eintritt in die revolutionäre Aktion. Schostakowitsch lässt diesen Satz übergangslos in den folgenden übergehen, sodass der dritte Satz als musikalische und programmatische Einleitung des Finales („Morgenröte der Menschheit“) betrachtet werden kann. Hier findet der Aufbruch statt, der schließlich in das Geschehen des Finales überleitet. In diesem kommt es – über ausgeprägte und komplexe thematische Arbeit – zu einem heroischen finalen Abschluss. Die letztendliche Modulation von Moll nach Dur stellt den Wandel von der Finsternis zum Licht dar, sinnbildlich für die Gestalt Lenins.
Die Rezeption von Schostakowitschs Symphonie Nr. 12 verlief äußerst unterschiedlich. Während die westlichen Kritiker die Erwartungen aufgrund der programmatischen Titel als nicht erfüllt ansahen, wurde das Werk im Osten sehr positiv aufgenommen. Diese gegensätzliche Aufnahme fasst der Musikwissenschaftler Bernd Feuchtner sehr treffend zusammen: „Die Zwölfte Symphonie ist eine Revolutionsfeier, ein sakrales Musikwerk, das nur für diejenigen Wert besitzt, dem der Glaube nicht fehlt.“
Neben seinem reichen sinfonischen Schaffen bediente Schostakowitsch viele weitere Gattungen, was ihn zu einem der vielseitigsten Komponisten der Musikgeschichte macht.
Die Ballettsuite „Der Bolzen“ entstand als zweite seiner drei Ballettmusiken in den Jahren 1930/31. Trotz des Misserfolgs seines ersten Balletts Das Goldene Zeitalter nahm Schostakowitsch erneut den Auftrag für eine Ballettmusik nach einem Libretto des literarischen Dilettanten Wladimir Smirnow an. Die Geschichte ist recht unbedarft und handelt von einer Sabotagegeschichte in einer Industrieanlage. Schostakowitsch versuchte mit allen musikalischen Mitteln die Mängel des Librettos auszugleichen, indem er die positive Stimmung der unterdrückten Arbeiter durch „Produktions“-Tänze, welche die Arbeit der Kolben, Motoren und Räder nachahmen sollen, auszudrücken versucht. Demgegenüber stellt er eine Gruppe von Gegnern, die er mit musikalischer Satire treffend charakterisiert.
Auch wenn das Ballett ebenso in der Kritik durchfiel, lag das womöglich eher an der Begrenztheit des Genres als an Schostakowitschs Unvermögen, eine sinfonische Einheit zu bilden.
Gilt Schostakowitsch heute vor allem als Komponist dramatischer Sinfonien als auch tragischer Streichquartette, so lässt sich in seinem außerordentlich breiten Œuvre auch weniger Dramatisches finden. Eine große Jazzbegeisterung prägte seine Jugend, wodurch letztendlich einige raffinierte Instrumentationen und eingängige Stücke entstanden, wie beispielsweise seine 2. Suite für Jazzorchester. Diese trägt bis heute einen inkorrekten Titel, müsste sie doch eigentlich Suite für Varieté-Orchester heißen. Die Verwechslung mit dem dreisätzigen Werk Schostakowitsch ist den Wirren des 2. Weltkriegs verschuldet, in denen man die Originale verloren glaubte. Sie umfasst insgesamt acht Stücke, die allesamt aus bereits bestehenden Kompositionen Schostakowitschs, wie Filmmusiken und Ballettsuiten entnommen und neu arrangiert wurden. So gilt heute als letztendliche Entstehungszeit der Suite die zweite Hälfte der 1950er Jahre.